Vertragsärztliche Vereinigung Trier, Am Mariahof 29a, 54296 Trier

Stern
Leserbriefredaktion
per Fax

Trier, den 28.November 2001

Leserbrief zu Ihrem Interview mit Florian Gerster "Lasst Ärzte Pleite gehen"

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bitte um Veröffentlichung des nachfolgenden Leserbriefes zu o.g. Artikel:

Angesichts der aktuellen Konjunkturdaten in Deutschland passt der Ausspruch "Lasst Ärzte Pleite gehen" zumindest in die bis jetzt erreichten wirtschaftspolitischen Ziele der SPD! Eine solche Aussage disqualifiziert jeden Gesundheitspolitiker und vor allem einen amtierenden Gesundheitsminister. Insbesondere dann, wenn die Argumentation Stammtischniveau nicht überragt. Hier wird leider Ursache und Wirkung vertauscht. Wer allen Ernstes behauptet, dass die Ärzteschaft die Hauptschuld der Kostenexplosion trägt, hat leider seine Hausaufgaben nicht richtig gemacht. Denn nur wer sich unsere Demographie und den sich vollziehenden Wertewandel unserer Gesellschaft, der nicht zuletzt durch zunehmende Dissozialisierung am Arbeitsplatz (sofern man einen hat) und auch im familiären Umfeld erheblich in eine ungute Richtung fortschreitet, erkennt, weiß auch, welche Folgen dies für unser Gesundheitssystem hat. Herr Riester hat zumindest erkannt, dass die Rente ohne eigene Privatvorsorge für die nahe Zukunft nicht mehr gesichert ist. Dies trifft ohne wenn und aber auch für die gesetzliche Krankenversicherung zu. Wenn selbst Patientensprecher – wie Dr. Bahlo (Deutsche Gesellschaft für Versicherte und Patienten e.V.) – bereits eine höhere Eigenverantwortung der Patienten einfordert, sollte dies auch die Politik hören und umsetzen. Die Vertragsärztliche Vereinigung fordert daher seit Jahren die Einführung eines Kostenerstattungssystem mit sozial verträglichem Selbstbehalt der Patienten. Denn hiermit wäre sofort die geforderte Transparenz geschaffen, die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen würde selbstkritischer hinterfragt und ein offener und ehrlicher Wettbewerb würde installiert werden. Zudem würde dies auch den Gepflogenheiten der meisten europäischen Länder entsprechen.

Es ist mittlerweile unerträglich, sich solche ("Lasst Ärzte Pleite gehen") oder andere "Weisheiten" von Politikern oder Kassenvertretern anhören zu müssen, um dann zu erkennen, das bei den Verantwortlichen sowohl die Visionen aber auch der notwendige Mut fehlt, echte und den realen Bedingungen angepasste Reformen zu entwickeln. Wir werden dieses Thema aufgreifen und unsere Patienten, die wir trotz allen Widrigkeiten weiterhin gut und qualifiziert behandeln, im kommenden Wahlkampf darüber sachgemäß informieren. Übrigens: Sollte aber doch das Ziel des Herrn Gerster mit der Pleite auch für mich zur Realität werden, so freue ich mich schon heute darauf, meine Patienten nach Mainz ins Gesundheitsministerium zu schicken, damit sie dort behandelt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Michael Siegert
Vorsitzender der Vertragsärztlichen Vereinigung Trier