Wie man ein Schwarzbuch basteltDie Herausgabe des "Schwarzbuches (...) auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten " durch das Bundesgesundheitsministerium am 6.April 2004 hat für Furore gesorgt. Einzelfälle von Fehlinformationen, Manipulationen usw. durch Ärzte, Zahnärzte und andere Leistungserbringer sowie bei Krankenkassen seien zu einer Generalanklage gegen die Heilberufe zusammengeschustert worden, kritisieren die Gescholtenen. Eine hernach erfolgte reißerische Aufmachung in verschiedenen Medien (das "Schwarzbuch " wurde nur vor "handverlesenen " Medienvertretern vorgestellt) hat zu zahlreichen Nachfragen geführt. Wo bekomme ich dieses Schwarzbuch her? Von uns nicht. Aber wir bieten Ihnen nachstehend eine Anleitung, mit der Sie sich Ihr eigenes "Schwarzbuch " zum Thema Gesundheitsreform basteln können. Orientiert haben wir uns dabei streng an die Vorgehensweise ("Strickmuster ") beim Schwarzbuch des Gesundheitsministeriums. Titel: Bei der Titelsuche Ihres eigenen "Schwarzbuches" halten Sie sich an erprobte Formulierungen, auf die auch die Pressestelle des Bundesgesundheitsministeriums gerne zurückgreift: Nennen Sie Ihr Werk am besten "Schwarzbuch Gesundheitsreform ". Den Zusatz "...auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten" können Sie vom Original des Ministeriums übernehmen. Titelschutz hat dort niemand beantragt. Vorwort: Verschwenden Sie nicht zuviel Zeit, Schreiben Sie Ihr Vorwort einfach in dem Stil "Liebe Patienten, mit dem hier vorgelegten Schwarzbuch zur Gesundheitsreform geben wir Ihnen einen Eindruck wieder, wie die Bevölkerung oder die Medien auf die Gesundheitsreform 2004 von Rot/Grün reagiert hat. Dies tun wir, um Ihnen zu zeigen, dass nicht wir Ärzte und Psychotherapeuten für das Desaster um die Reformumsetzung und die miese Stimmung im Land verantwortlich sind, wie die Regierung Ihnen dies wahrheitswidrig vermittelt." Erwähnen Sie ruhig, dass es sich bei den dann folgenden Beispielen um Einzelfälle handelt. Das erweckt den Anschein von Objektivität. Zeigen Sie auch Mitgefühl. Was kommt ins Schwarzbuch rein? Alles das,was belegt, dass diese Gesundheitsreform von den Betroffenen, der großen Masse der Bevölkerung, abgelehnt wird, weil sie als ungerecht oder schlampig vermittelt und umgesetzt empfunden wird. Zeitungsausschnitte und Rundschreiben von Sozialverbänden, Gewerkschaften (Flugblätter der Demos vom 3.April in Berlin, Köln, Stuttgart) und Parteien belegen dies besonders eindrucksvoll und eignen sich zur "Beweisführung" der Behauptungen besonders gut. Schauen Sie ruhig mal auf die Homepages von SPD-Ortsvereinen, da wird gegen die eigenen Genossen in der Regierung besonders heftig Front gemacht. Einfach zitieren ...! Recherche: Rufen Sie im Internet eine der zahlreichen Suchmaschinen auf und geben Sie Reizwörter ein. Dort werden Sie garantiert fündig. Bei Google (Stand 7.4.2004) beispielsweise unter "Erweiterte Suche/alle Suchwörter müssen vorkommen" finden Sie allein unter den Stichwörtern "Gesundheitsreform 2004 Proteste" 3.020 Einträge. Auch andere Stichwörter wie "GMG Ungerechtigkeiten" oder "Ulla Schmidt Lügen" (1.620 Einträge!) sind sehr ergiebig. Wählen Sie ruhig auch Zeitungsartikel namhafter Tageszeitungen und Wochenmagazine aus, denn die Reform und ihr handwerklich misslungener Start war überall gut vertreten. Und gute Journalisten haben allemal ein Gespür dafür, was "draußen" ankommt. Profitieren Sie davon! Inhalte prüfen? Brauchen Sie nicht. Ohnehin würde Ihnen keiner glauben, dass Sie auch nur annähernd in der Lage sind, das zu prüfen, was Sie fortan im "Schwarzbuch" an Behauptungen kolportieren. Seien Sie also auch nicht päpstlicher als der Papst (pardon, das Ministerium). Suchen Sie also nicht allzu akribisch nach entkräftenden Aussagen der von Ihnen ausgewählten "Botschaften". Distanzieren Sie sich allenfalls - wie die Autoren des regierungsoffiziellen "Schwarzbuches" - an irgendeiner Stelle im Vorwort von Pauschalierungen, um sich in Streitfällen immer herausreden zu können, dass Sie ja ausdrücklich nur Einzelfälle aufgelistet haben und nicht verallgemeinern wollten. Ihrer eigentlichen Absicht der Trivialisierung der Reformdiskussion oder der regierungsamtlichen Reformbilanz und überhaupt der medienwirksamen Generalisierung von Einzelfällen tut das keinen Abbruch. Das Gesundheitsministerium hat es mit seinem "Schwarzbuch" - wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen - trefflich vorgemacht. Und was denen, finanziert mit Steuermitteln, recht ist, kann Ihnen nur billig sein. Das dauert ja Monate, werden Sie denken... Bei einem seriösen Werk, das die differenzierte Darstellung von Sachverhalten und deren umsichtige, faire Bewertung zum Ziel hat, mögen Sie Recht haben. Bei unserem Vorhaben ist das aber - siehe Vorbild Gesundheitsministerium - nicht nötig . Drucken Sie sich einfach ein paar deftig aufgemachte Dokumente aus, fügen Sie sodann vorn Ihr Vorwort und hinten Ihre "Nachbetrachtung" (siehe eigenes Stichwort) ein. Damit gehen Sie dann zum nächsten Copyshop, um sich einige Kopien anfertigen zu lassen, so schlicht wie unser Vorbild aus dem Ministerium. Auch wenn Sie sonst keinen Pfifferling auf solch ein Pamphlet geben würden: 20, 30 Euro sollte Ihnen das "Schwarzbuch" dann doch wert sein. Nachbetrachtung: Die muss sein. Nach so schwerer und belastender Kost gegen die Bundesregierung muss jetzt wieder der Anschein der Objektivität her. Schreiben Sie also, dass Sie selbst unbedingt für Reformen im Gesundheitswesen sind, weil sonst die Finanzierung zusammenbricht und das System an die Wand zu fahren droht. Beziehen Sie sich als Arzt ruhig auf Ihre Spitzenverbände, die ja vernünftige Vorschläge gemacht haben. Den Rest kriegen Sie schon irgendwie selbst hin. Und wenn nicht, dann zitieren Sie einfach den Schlussakkord aus dem regierungsamtlichen "Schwarzbuch": "(...) Auf Gesundheit ist jeder angewiesen. Die gesetzliche Krankenversicherung ist ein Herzstück des Sozialstaates. Sie nimmt den Menschen die Angst, sich Gesundheit nicht leisten zu können." Aber Achtung: Quellenangabe nicht vergessen, sonst identifiziert man womöglich Sie mit dieser Aussage, was prinzipiell nicht schadet, im besonderen Fall aber rufschädigend sein kann. Angesichts der Tatsachen und der miesen Stimmung in der Bevölkerung muss die Negierung von "Angst, sich Gesundheit nicht leisten zu können" (O- Ton BMGS) wie Schönfärberei wirken. Vertrieb? An dieser Stelle müssen wir Sie davor warnen, Ihr selbstgestricktes "Schwarzbuch" in der eigenen Praxis auszulegen. Die Staatsaufsichten, sonst nicht von der schnellen Truppe, sind vom Bundesministerium garantiert vorgewarnt worden. Warten Sie also lieber auf eine passende Gelegenheit. Tobt bei Ihnen in der Nähe demnächst ein Wahlkampf? Das wäre dann eine solch gute Gelegenheit, Ihr "Schwarzbuch" an den Wähler zu bringen. Gehen Sie in die Fußgängerzone zum nächsten SPD- Infostand (drei Meter Abstand sind Pflicht!) und verteilen Sie dort Ihr "Schwarzbuch". Der Wähler will schließlich wissen, wer die Leute sind, die er demnächst in sein Parlament wählen soll. Und obendrein tun Sie ein gutes Werk gegen das "kollektive Vergessen". Der Dank - weil reißender Absatz Ihres "Schwarzbuches" -, ist Ihnen gewiss.
Anmerkung: es handelt sich um einen satirischen Text eines unbekannten Autors, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, tatsächlichen Vorkommnissen, real existierenden Institutionen usw. sind rein zufälliger Natur und vom Buschtelefon keinesfalls beabsichtigt. |