Leserbrief

Betr.: "Ärzte ohne Grenzen",
Der Tagesspiegel vom 4.4.2003, Seite 29

Mein Kollege de Ridder beklagt die Zerstörung der klassischen Arztprofession, analysiert aber nicht richtig Ursache, Wirkung, Folge (Diskussion Henne-Ei). Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, Geld ist Motiv und der Antrieb unserer Menschen. Zur Gewinnvermehrung soll alles möglichst billig sein, auch die Arbeitskraft. Und so erleben wir auch im Gesundheitswesen bereits seit der zweiten Hälfte der 70er Jahre eine durch alle Bereiche durchgehende Ökonomisierung, die immer offener und unverhohlen Handlungsweisen industrieller Fertigung vollständig auf die Behandlung von Menschen zu übertragen versucht. Abteilungen eines Krankenhauses müssen wirtschaftlich und damit ausgelastet sein, hohen Durchlauf, hohe Leistungskennzahlen, sprich Untersuchungen haben. In dieser erzwungenen Leistungsspirale liegt übrigens auch die Ursache für Doppeluntersuchungen. Planstellen werden nach den Untersuchungszahlen berechnet. So kommt es zu den zitierten Chefarztäußerungen wie "der Laden muss brummen". Ist diesem Chefarzt ein Vorwurf zu machen oder dem Kostenträger, der diesen Druck ausübt? Die Balance zwischen Arztsein und ökonomischen Zwängen wird immer schwieriger. Vor Jahren konnte der Patient noch sicher sein, dass der ärztliche Rat allein sein Wohl im Auge hat. Jetzt kann er davon ausgehen, dass der Arzt auch an seinen Arbeitsplatz und damit zusammenhängende Verpflichtungen denkt. Wer eine Arztprofession wie früher fordert, muss für deren wirtschaftliche Unabhängigkeit eintreten ähnlich der des Richters. Die ist jedoch kaum zu erwarten. Im Gesundheitswesen bekommt der Betriebswirt das alleinige Sagen, insbesondere in der durchregulierten Staatsmedizin der kommenden Jahre. Leitete früher der Chefarzt das Krankenhaus, dann in Berlin ab 1976 das Dreiergremiun Ärztlicher Leiter, Pflegeleiter, Verwaltungsleiter, so ist es jetzt in den Vivantes-Kliniken der Betriebswirt. Erst in der dritten Entscheidungsebene finden sich die Chefärzte, eingeknebelt in wirtschaftliche Vorgaben. Das soll die medizinischen Entscheidungen nicht beeinflussen?

Wenn einzelne Ärzte kriminell werden (nicht so viele wie Schlagzeilen zu suggerieren suchen), ist das ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, Geld als Motor (s.o.). Ein öffentlich als Lügner und Betrüger entlarvter Politiker kann nicht nur im Amt bleiben, er wird wiedergewählt und hat sogar Chancen, Kanzlerkandidat zu werden. Wo in allen Gesellschaftsbereichen vieles als Kavaliersdelikt empfunden wird, ist eine Beteiligung auch von Ärzten nicht verwunderlich. Recht und Gesetz Geltung zu verschaffen, es zu bewahren, ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe (übrigens auch im Internationalen). Dann befürwortet der Verfasser im selben Artikel das geplante nationale Zentrum für Qualitätssicherung in der Medizin, scheint sich also nicht näher mit dessen beabsichtigter Struktur und Entscheidungsaufgaben befaßt zu haben. Denn Ärzteschaft und Krankenkassen wenden sich gegen diesen Plan, weil Erfahrungen aus anderen Ländern wie z.B. England damit vorliegen. Dort ist solch ein Gremium verkommen zur Kostenbegrenzung der Gesundheitswesenstaatsausgaben und zum Vorgeben von Rationierungen, es ist nicht primär von ärztlicher Ethik und Zielen geleitet. In Deutschland arbeitet das gemeinsam von Ärzten und Kassen betriebene Institut bislang besser.

Zusammengefasst: De Ridder artikuliert zwar sein Unbehagen an der zunehmenden ärztlichen Verfremdung, aber er ist ungerecht, weil er deren Ursachen völlig außer Acht lässt.

Mit freundlichem Gruß

Th.Scholz, auch Internist

Dr.med. Thomas Scholz, Schwerpunktpraxis Diabetes und Herz, Waidmannsluster Damm 41, 13509 Berlin, Tel 030/4338003, Fax 030/43490404