Kommentar vom Samstag den 14 Januar 2012  

Deutsches Gesundheitssystem auf dem Prüfstand - Kostenfalle Komplexität

So lautet der Titel einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney, die zum Jahresende in einem SPIEGEL-Artikel erwähnt wurde und kurz darauf bereits ob ihrer Aufsehen erregenden Ergebnisse bezüglich der Kosten für den Bürokratieaufwand in den Medien Furore machte.

Wie kam diese Studie zustande?

Das Unternehmen schreibt zu der Zielsetzung:
"Die vorliegende unabhängige und eigenfinanzierte Studie liefert eine in dieser Form nie dagewesene Transparenz über die Komplexität des deutschen Gesundheitssystems und identifiziert die maßgeblichen Komplexitätstreiber. Darüber hinaus werden speziell die durch die gesetzlichen Krankenversicherungen verursachten Ineffizienzen herausgearbeitet.
Im Rahmen einer quantitativen Analyse werden die tatsächlichen Verwaltungskosten im öffentlichen deutschen Gesundheitssystem mit dem Schwerpunkt auf die Leistungserbringer im Detail ermittelt. Konkret wird die Frage beantwortet:
Wie viel bleibt von einem Beitrags-euro für Gesundheitsleistungen am Patienten übrig?
"

"Komplexität" analysieren ist bei dieser Unternehmensberatung sozusagen Tradition "Optimierung der Unternehmensperformance durch das Management von Komplexität in globalen Produktions- und Lieferketten" - nun hat sie sich hierzu unser Gesundheitssystem mit den unterschiedlichen Akteuren ausgesucht.

Wie ging man vor?

In einem ersten Schritt erfolgten "umfangreiche Literatur- und Datenbankrecherchen bezüglich Prozessen, Strukturen und Kosten des deutschen Gesundheitssystems", worauf sich "eine individuelle Marktforschungsstudie mittels einer Fragebogenerhebung und gezielten Arbeitsverteilungsanalysen unter mehr als 6.000 Leistungserbringern im deutschen Gesundheitssystems anschloß. Befragt wurden niedergelassene Ärzte, Krankenhausärzte, Apotheker sowie Physiotherapeuten und Sanitätshäuser."

Was war das Motiv?

Die offenkundige Bedeutung der "Komplexität" brachte A. T. Kearney auf die Idee, das unübersichtliche deutsche Gesundheitssystem durch detaillierte Recherchen und anschließende Analyse durchsichtiger zu machen. Im Mittelpunkt der Studie steht folglich vermehrte Transparenz um die gesetzliche Krankenversicherung, deren Komplexität und hoher Aufwand für Verwaltung auf den knapp 60 Seiten dargestellt wird.

Welche relevanten Aussagen finden sich nun in der Studie?

Zunächst eine weitere Erklärung zum Begriff "Komplexität" Sie werde durch die Vielzahl der Akteure und den Schnittstellen untereinander bedingt. Eine effiziente Organisation des Zusammenspiels sei durch wenig Schnittstellen gekennzeichnet, je mehr "Knotenpunkte" existieren, um so schwieriger werde die Versorgung der Versicherten.
In der Analyse der "Komplexitätstreiber" wird unter anderem aufgeführt, dass 19 von 153 Krankenkassen bereits 80% jedoch weitere ca. 100 Krankenkassen nur etwa 5% der Bevölkerung in der gesetzlichen Krankenversicherung versichern.

Das Schlagwort "Demographie" vermeiden sie, berücksichtigen sie allerdings indirekt als Kostenfaktor in dieser anschaulichen Formulierung: "Der Widerstreit zwischen einer stark zentralisierten Verwaltung einerseits und den Anspüchen an eine hochindividualisierte Versorgung hochbetagter Patienten andererseits was z.B. die verlässliche und ordnungsgemäße Medikamenteneinnahme angeht."

Was die Regelungsdichte bei Gesundheitsreformen und die Gesetzesänderungen dazu angeht, weist die Studie ganz dezent darauf hin, dass zwischen Inkrafttreten einer Änderung und deren wirklicher Umsetzung eine mehrmonatige bis 2-jährige "Totzeit" anzusetzen sei, bis sie überhaupt richtig greift. Eine stetige Neuregelung im kurzen Intervall wirke dann vielleicht als "Überholmechanismus" auf freier Strecke sozusagen.

Die zehn Komplexitätstreiber in der A. T. Kearney Studie sind folgende:

  • Anzahl der Akteure

  • Anzahl der Produkte

  • Nicht abgestimmte Prozesse

  • Organisationsstrukturen

  • Unterschiedliche IT-Systeme

  • Indirekte Kommunikation

  • Erhöhte Patientenanforderungen *

  • Wissenschaftlicher Fortschritt

  • Lobby/Interessengruppen

  • Wechselnde Reformen/Gesetze *


Ihnen wird je nach Leistungserbringer eine unterschiedliche Gewichtung zuteil. *) diese beiden haben dabei durch die Bank bei allen einen sehr starken Effekt.

Verwaltungsaufwand im Gesundheitswesen entsteht eben nicht nur den gesetzlichen Kassen sondern auch für alle anderen Akteure; er kann nun hier im "holistischen" Ansatz anschaulich pro eingenommenen 1 €uro Kassenbeitrag auf 23 cent beziffert werden. Nach den erhaltenen Angaben der Befragten errechnet die Analyse ein mögliches Einsparpotential von 8 cent und macht deswegen einige Verbesserungsvorschläge dazu. Kommunikationsabläufe über "Dritte" in Zukunft zu meiden, ist dabei wohl der interessanteste Aspekt im magischen Dreieck Patient-Arzt-Körperschaft/ten

Fazit:

Eine ungewöhnliche Studie der Unternehmensberatung, die traditionell ihre Schwerpunkte auf dem Gebiet der "Komplexität" setzt und sich hier ohne Auftraggeber selbst aus Interesse für das Deutsche Gesundheitssystem ans Werk machte.
Die Ergebnisse werden dabei übersichtlich in einem schlanken Büchlein von knapp 60 Seiten präsentiert, so dass der Preis von 49.- €uro dafür relativ hoch erscheint, wobei zu beachten ist, dass sich damit die arbeitsintensive Kostenkalkulation auf Seiten der Autoren bzw. der Unternehmensberatung "freundlicher" gestaltet.
Es handelt sich, wie erwähnt, nicht um ein "Auftragsergebnis" für einen zahlenden Auftraggeber zu der Studie sondern um einen eher ungewöhnlichen Ansatz zu einer ganzheitlichen Sicht der Kosten- bzw. Geldströme in unserem Gesundheitswesen. Das rechtfertigt den Preis, der etwas höher als so manches Regelleistungsvolumen für ein Quartal ausfällt.

Anhang:
Deutsches Gesundheitssystem auf dem Prüfstand
Kostenfalle Komplexität


© A.T. Kearney 2012

Erfahren Sie hier mehr über die Ergebnisse der Studie

  Wolfgang Bensch