Kundgebung "Für ein gesundes Gesundheitswesen in ganz Deutschland" am 15. Mai 2002 in Berlin

Rede von Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe

Präsident der Bundesärztekammer

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine Damen und Herren,

Umfrageergebnisse sind keine Wahlergebnisse, aber sie sind ein gutes Stimmungsbarometer. Aus einer Ende April veröffentlichten repräsentativen Umfrage geht klar hervor, dass die größte Sorge der Menschen in diesem Land nicht der Beitragssatzstabilität gilt, sondern dem Zugang zu innovativen Therapieformen. Was immer wir aber in und mit der Politik diskutieren, oberste Prämisse bleibt: Die Menschen wollen uneingeschränkt am medizinischen Fortschritt teilhaben – und dazu sind sie auch bereit, höhere Beiträge zu entrichten.

Das ist eine klare Absage an jedwede Rationierung, das ist die rote Karte für jedes Budgetierungskonzept. Die Menschen wollen auch keine Wartelistenmedizin, wie sie in England üblich ist und sie wollen auch keine 08/15-Behandlung nach Schema F, wie einige Krankenkassenfunktionäre sie propagieren; die Menschen wollen ganz persönlich, in ihrer individuellen Krankheit behandelt werden. Darauf haben sie ein Recht und dafür werden auch wir Ärzte eintreten.

Wir appellieren deshalb an alle für das Gesundheitswesen Verantwortlichen, unser System nicht weiter kaputt reden zu lassen, nicht den populistischen Selbstdarstellungen expertokratischer Heilsverkünder auf den Leim zu gehen. So zweifelhaft internationale Vergleiche sind – ich darf nur daran erinnern, dass Großbritannien in dem WHO-Ranking besser dasteht als wir, gleichwohl aber seine Patienten zu uns schicken muss und die Regierung Blair die Mittel zum Gesundheitswesen um 50 Prozent aufstocken will -, so zweifelhaft also diese internationale Vergleiche sind, so unseriös sind auch die Konzepte selbsternannter Regierungsberater, mit denen unser freiheitliches Gesundheitswesen zerschlagen werden soll.

Der Aufbau eines Kassenversorgungsstaates, die Schematisierung der medizinischen Behandlungsabläufe und die gnadenlose Durchökonomisierung unseres Gesundheitswesens sind die Pfeiler, auf denen die neue Zuteilungsmedizin aufgebaut werden soll.

Gegen diese Expertokratie sind wir in den letzten Monaten zu Felde gezogen und werden auch nicht aufhören, gegen das Yuppie-Motto "Marketing statt Menschlichkeit" anzukämpfen. Wir dürfen es einfach nicht zulassen, dass unter politisch abenteuerlichen Versprechungen, aber bei einer strikten Budgetierung der Finanzmittel die Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland salonfähig wird. Es ist deshalb sicherlich bemerkenswert, dass die Bundesgesundheitsministerin Einsicht gezeigt hat, dass Budgetierung auf Dauer zu Rationierung führt.

Entscheidend ist und bleibt der medizinische Versorgungsbedarf – auch und gerade des Einzelnen - und nicht das ökonomische Interesse der Krankenkassen, die sich mehr und mehr wie Versicherungen gerieren. Auch bringen uns gefällige Konzepte wie der Ruf nach mehr Wettbewerb keinen Schritt weiter. Auch das möchte ich einigen Politikern ins Stammbuch schreiben: Patienten sind keine Kunden, sondern Bedürftige mit dem berechtigten Anspruch auf qualitativ hochstehende medizinische Versorgung. Kaltes betriebswirtschaftliches Denken, wie wir es aus anderen Bereichen kennen, hat in einem Gesundheitswesen der Zuwendung und der Menschlichkeit nichts zu suchen.

Patienten dürfen nicht zur Kostengröße degradiert werden und auch nicht als "Programmteilnehmer" verstanden werden. Patienten wollen individuell behandelt werden und dazu bedarf es der Therapiefreiheit. Diese Therapiefreiheit ist das Recht des Patienten, und wenn allenthalben von Patientenrechten geredet und politisiert wird, dann gilt es hier anzusetzen, und eine Programmatisierung der individuellen Krankenbehandlung eine klare Absage zu erteilen.

Auch verstehen wir Ärzte uns nicht als Erfüllungsgehilfen, weder einer Staats- noch einer Checklistenmedizin. Der Arzt ist ein freier Beruf – zumindest seiner Natur nach. Doch was Reglementierung Bürokratisierung, Programmatisierung und Politisierung mittlerweile aus diesem Beruf gemacht haben, ist nicht mehr zu verantworten und schlägt sich heute sichtbar für jeden in der Gesundheitsversorgung nieder.

Die Motivation unter Deutschlands Jungmedizinern ist auf den Nullpunkt gesunken, die Zahl der Medizinstudenten sinkt stetig und in fünf Kammerbezirken ist die Zahl der stationär tätigen Ärzte zurückgegangen. Bis zum Jahre 2010 werden allein im Osten Deutschlands 22.000 Ärzte ausscheiden. Das ist das Ergebnis von 25 Jahren Kostendämpfungspolitik; das ist das Ergebnis zunehmender Durchökonomisierung des Gesundheitswesens und Diffamierung des Arztberufes.

Es gibt nichts zu beschönigen: Die Nachwuchsprobleme in der deutschen Ärzteschaft sind gravierend. Verschärfend kommt die ebenfalls brisante Entwicklung in der Altersstruktur der Bevölkerung hinzu. Immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter, wenn oft auch nur um den Preis der Dauerbehandlungsbedürftigkeit. Die Schere zwischen angeforderten notwendigen Leistungen und den tatsächlich möglichen Leistungen wird immer weiter auseinander gehen. Der Versorgungsnotstand ist somit programmiert, wenn wir nicht endlich ein Umdenken hin zur Medizin schaffen.

Wir müssen darauf hinarbeiten, dass das Patient-Arzt-Verhältnis wieder frei kommt. Deshalb dürfen wir es nicht zulassen, dass wir demnächst mehr Kontrolleure als Kontrollierte im Gesundheitswesen haben.