Redebeitrag anlässlich der Protestveranstaltung
der Berliner Ärzte und Psychotherapeuten
vor dem ICC in Berlin am 15.05. 2002
Redner: Dipl.-Psych. Michael Grunert
(Verband der Vertragspsychotherapeuten Berlin -VVP-B)
Meine Damen und Herren, Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Ich stehe hier als psychologischer Vertragspsychotherapeut und möchte
im Namen der ärztlichen und psychologischen , sowie Kinder - und
Jugendlichenpsychotherapeuten zu Ihnen sprechen.
Wir protestieren auf der heutigen Demonstration, solidarisch mit den
Vertretern der anderen medizinischen Berufsgruppen im ambulanten und stationären
Sektor, um besonders im Wahljahr auf die bedrohliche Situation
im Gesundheitswesen aufmerksam zu machen und die Vertreter von Politik
und Kassen zu warnen in ihren Wahlaussagen mit dem Feuer zu spielen.
Ich möchte Ihnen in aller Kürze noch einmal folgende - Sachverhalte
zur Darstellung bringen auch wenn teilweise bekannt, so erlebe
ich doch auch oft einen erschreckenden Mangel an Information. Berufspolitik
fängt aber bei uns an und bei dem Wissen über die Nachbar- berufsgruppe.
Während im letztes Jahr die mangelnde Finanzausstattung
der Psychotherapie in Berlin und in den östlichen Bundesländern
im Vordergrund stand, sind heute weitere Problembereiche hinzugekommen.
An der finanziellen Situation der Psychotherapeuten hat
sich wenig verändert - die Honorar - Muster Urteile von 1999
sind bis heute nicht umgesetzt.
Ebenso wenig kann man von einer ausgewogenen Versorgung
mit psychotherapeutischen Behandlungen sprechen.
Reform tut not - doch diese Vorschläge dienen in
keiner Weise einer effektiven und qualitativ hochwertigen medizinischen
Versorgung. Besonders vor dem Hintergrund der Aussagen des Sachverständigenrates
zur Über-, Unter- und Fehlversorgung und der erheblichen Defizite
im psychosozialen Bereich, sind diese politisch motivierten Vorschläge
mehr als fragwürdig, ja geradezu abenteuerlich.
Der Gesetzgeber hatte 1999 mit der Einführung des Psychotherapeutengesetzes
seine politische Absicht zum Ausdruck gebracht, die Psychotherapie als
einen wichtigen Strang der medizinischen Versorgung in geregelte und damit
der Planung zugänglichen Bahnen zu lenken.
Auch war es der Wille des Gesetzgebers, der Kassen und der KBV die Psychotherapie
unter dem Dach der kassenärztlichen Vereinigungen zu integrieren.
Das war gut so.
Nun hat jedoch erst kürzlich der Petitionsausschuß im Deutschen
Bundestag für richtig anerkannt, daß die finanzielle Ausstattung
des Psychotherapeutengesetzes 1999 von vornherein zu gering bemessen war
und daß diese negative Entwicklung bereits 1998 absehbar war. Eine
Fehleinschätzung halte ich nicht für schlimm, erwarte aber,
daß die politischen Vertreter ihre Hausaufgaben machen und Fehler
revidieren.
Gleichzeitig wurde dem damaligen Vorsitzenden der KBV Herrn Dr. Schorre
- meines Wissens - zugesichert, daß die Psychotherapie nicht durch
Umverteilung zu Lasten anderer Arztgruppen - wie jetzt durch die Gruppe
der Fachärzte - zu finanzieren ist.
Es muß der Politik besonders im Wahljahr deutlich gemacht werden,
daß der
- begrüßenswerte - Ausbau und Aufbau dieses neuen wichtigen
Versorgungsstranges Psychotherapie nicht kostenneutral zu erreichen ist,
jedenfalls nicht ohne den sozialen Frieden zu gefährden.
In einer Zeit in der psychische Probleme in der Bevölkerung in ihrer
ganzen Tragweite deutlicher werden, sei es nun bspw. in Form posttraumatischer
Belastungsstörungen, oder der Volkskrankheit Depression, oder auf
dem Hintergrund des tragischen Ereignisses in Erfurt, muß es doch
gestattet sein zu äußern, daß die Behandlung von Patienten
mit psychischen Problemen die Gesellschaft Geld kostet.
Real ist das Gegenteil des von der Politik anvisierten Zieles in der
Tendenz sichtbar: Immer weniger Kolleginnen und Kollegen erlernen den
Beruf des Psychotherapeuten, da es finanziell zu unattraktiv ist (Harakiri).
Ein Großteil der Plätze für ärztliche Psychotherapeuten
und KJP -Therapeuten können aus diesen Gründen nicht besetzt
werden. Ganze Regionen im Osten Deutschlands und hier in den Ostberliner
Bezirken sind weiterhin stark unterversorgt.
Hier müssen die politischen Parteien - und nicht nur die Regierungsparteien
- wenn sie die Integration der psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung
in ein gesamt - gesellschaftliches Gesundheitskonzept ernst nehmen, für
eine angemessene Finanzausstattung der Psychotherapeutischen Versorgung
den Weg ebnen.
Wir lassen uns nicht in einen selbstzerstörerischen Verteilungskampf
mit den anderen Fachgruppen treiben.
Das ist aber auch meine Forderung an Sie liebe Kollegen, daß Sie
in die Richtung schauen, aus der uns "die Ration zugeteilt"
wird und nicht auf die Berufsgruppen, die ebenso wie Sie nur ihre Praxis
retten wollen.
Dabei möchte ich besonders die anwesenden Medienvertreter auf das
dringlichste darauf hinweisen, daß es hier nicht um die Gewinnmaximierung
der Psychotherapeuten und anderen Arztgruppen geht, sondern um eine Finanzausstattung
die erstens den Therapeuten in die Lage versetzt, qualitätsgerechte
Arbeit zu leisten, ohne ein Maximum an Selbstausbeutung zu Lasten der
Qualität der Patientenversorgung.
Und zweitens eine Finanzausstattung, die den Gesichtspunkten moderner
Praxisorganisation folgt. Wie kommt eigentlich jemand ernsthaft darauf,
daß Psychotherapeuten kein Büropersonal brauchen.
Hier treffen sich auch unsere Forderungen mit den Forderungen der Ärzteschaft
im ambulanten wie auch stationären Sektor nach einer humanen dem
Patienten zu Gute kommenden Arbeitswelt.
Auch die Stärkung der sprechenden Medizin mit einem Augenmerk auf
die Gestaltung der Arzt/Therapeut - Patient - Beziehung war und ist Wille
der gesellschaftlichen Institutionen.
Zu guter letzt möchten wir den Vertretern der politischen Parteien
wärmstens ans Herz legen, nicht mit den Ängsten und Befürchtungen
einer ganzen Gruppe von Patienten zu spielen und für Verunsicherung
bei Patienten wie auch Behandlern zu sorgen, wenn wie in den letzten Monaten
die abenteuerlichsten Konzepte für eine Gesundheitsreform in die
Medien gestreut werden. Ich erinnere nur an "Zuzahlung, Ausgliederung
von Psychotherapie aus dem Leistungskatalog" u.a. .
Wir protestieren gegen Experimente auf dem Rücken von psychisch
erkrankten Menschen.
Eine Reform zur Finanzierung und Gestaltung eines modernen Gesundheitswesens
ist notwendig und muss den Erfordernissen heutiger Wirtschafts- und Einkommensverhältnissen
angepasst werden, aber nicht ohne die Beteiligung aller Gruppen von Leistungserbringern
und Patientenverbänden.
Angesichts dessen fordern wir:
- Bereitstellung ausreichender finanzieller Mittel zur Gewährleistung
einer bedarfsgerechten Versorgung der Bevölkerung mit Psychotherapie.
- Gewährleistung einer extrabudgetären Vergütung der
Psychotherapie, um die unseligen Verteilungskämpfe zwischen den
Behandlergruppen beenden.
- Förderung einer bedarfsgerechten psychotherapeutischen Versorgung
- orientiert an regionalen und Bevölkerungsbesonderheiten, besonders
im hochdefizitären Bereich der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie.
- Keine Benachteiligung psychisch erkrankter Patienten durch Zuzahlungen.
- Gewährleistung psychotherapeutischer Behandlung als unverzichtbaren
Teil des Leistungskataloges der Krankenkassen.
- Die vollwertige Einbeziehung psychotherapeutischer Kompetenz in alle
Bereiche der Medizin, insbesondere auch in die neuen sektorübergreifenden
Versorgungsstrukturen und in die Disease - Management - Programme.
Wir protestieren gegen alle Versuche der Aushöhlung
der medizinischen Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland, sowie
der Ausgliederung medizinisch notwendiger Behandlungsangebote.
Das heißt, wir protestieren auch gegen "englischen
Verhältnisse" im Sinne einer Notversorgung der Bevölkerung,
auf Grund eines extremen Behandlermangels.
Ärztliche, sowie psychologische Psychotherapeuten
und Kinder, - und Jugendlichenpsychotherapeuten sind bereit ihren Beitrag
im gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu leisten, um zu einer Gesundung
des Gesundheitswesen im Interesse der Bevölkerung beizutragen.
Wir möchten im Wahljahr unmissverständlich
deutlich machen, dass wir
politische Nichteinmischung nicht mit politischer Gleichgültigkeit
verwechseln.
Mündige Patienten haben das Recht entsprechend informiert
zu werden.
Deshalb informieren mündige Behandler ihre Patienten.
Dipl.-Psych. M. Grunert
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